Neuer neunfach-Impfstoff gegen HP-Viren

Bautzen, 19.9.2016 (Dr. Sarfert): Ab sofort ist mit Gardasil 9 in Deutschland ein HPV-Impfstoff verfügbar, der vor neun Typen des Humanen Papillomavirus schützt. Bislang boten Impfstoffe nur vor zwei oder vier Typen Schutz. Die von der STIKO für junge Mädchen empfohlene Impfung setzt sich bislang jedoch schwer durch.

Rund 4.700 Frauen in Deutschland erkranken nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) jährlich an Gebärmutterhalskrebs – 1500 bis 1600 sterben an der Krankheit. Doch HPV-assoziierte Krebserkrankungen und ihre Vorstufen lassen sich vielfach vermeiden. Denn laut Weltgesundheitsorganisation werden sie zu 70 Prozent durch die Infektion mit jenen Viren ausgelöst, vor denen eine Impfung schützt. Die Ständige Impfkommission (STIKO) am RKI empfiehlt die generelle HPV-Impfung gegen die HPV-Typen 16 und 18 als Standardimpfung für Mädchen im Alter von neun bis einschließlich 14 Jahren. Versäumte Impfungen sollten bis zum 18. Geburtstag nachgeholt werden. 

Bislang gab es in der EU drei zugelassene HPV-Impfstoffe: Cervarix® (GSK), Gardasil® (SPMSD), Silgard® (MSD). Während Cervarix® gegen die HPV-Typen 16 und 18 wirkt, sind bei den anderen Impfstoffen zusätzlich noch die HPV-Typen 6 und 11 abgedeckt.

Der neue Impfstoff von Sanofi Pasteur MSD Gardasil®9, der seit dem 25. April erhältlich ist, schützt noch weiter. Er wird eingesetzt zur Prävention von Vorstufen maligner Läsionen und Karzinome an Zervix, Vulva, Vagina und Anus sowie zur Prävention von Genitalwarzen (Condylomata acuminata), die mit den HPV-Typen 6, 11, 16, 18, 31, 33, 45, 52 und 58 assoziiert sind. Laut Hersteller bietet Gardasil®9 Impfschutz vor etwa 90 Prozent der Zervixkarzinome. 

Impfquote trotz Empfehlung niedrig 

Auf Grundlage der offiziellen STIKO-Empfehlung wird auch die Impfung mit Gardasil®9 von den Krankenkassen erstattet. Allerdings wird sie noch nicht breit genutzt. Darauf macht die AOK Baden-Württemberg anlässlich der seit gestern laufenden Europäischen Impfwoche aufmerksam. Nach einer aktuellen Analyse der Versichertendaten der AOK Baden-Württemberg waren von den jungen Frauen des Jahrgangs 1996 nur 37 Prozent vollständig geimpft. Bundesweit sieht die Situation nach RKI-Angaben ähnlich aus. Damit wird diese Standardimpfung – trotz offizieller Empfehlung – deutlich seltener durchgeführt als andere: Bei Mumps und Röteln liegt die Quote laut RKI bei 92 Prozent.

Impfung im Zwei-Dosen-Schema

Gardasil®9 ist wie die anderen HPV-Impfstoffe zur Anwendung ab neun Jahren zugelassen. Die Impfung ist vor dem ersten Geschlechtsverkehr durchzuführen. Er hat die Zulassung für ein 2-Dosen-Schema bei der Impfung von Mädchen und Jungen. Zwischen der ersten und zweiten Impfdosis sollte ein Abstand von fünf bis 13 Monaten eingehalten werden. Wer allerdings die zweite Impfdosis früher als fünf Monate nach der ersten bekommt oder erst mit 15 Jahren die erste Impfung erhält, wird nach einem 3-Dosen-Schema (0, 2, 6 Monate) geimpft.

Warum Sie Ihr Kind gegen HPV impfen lassen sollten

Es ist ein Traum von Wissenschaftlern, eine Impfung gegen Krebs zu finden. Immerhin: Vor Gebärmutterhalskrebs kann man schon heute Frauen auf diese Weise schützen. Doch nicht mal die Hälfte der Zielgruppe macht Gebrauch davon.

Gebärmutterhalskrebs wird durch eine Infektion mit Viren ausgelöst, die oft Jahrzehnte zurückliegt. Eine Impfung in jungen Jahren könnte davor schützen, sagen Krebs- und Impfexperten. Sie sind davon ebenso überzeugt wie davon, auch neuerdings ansteigende Erkrankungszahlen bei beispielsweise Anal- und Rachenkrebs positiv zu beeinflussen. Die Voraussetzung: zwei Impfungen gegen Humane Papillomviren (HPV) im Abstand von sechs Monaten bei heranwachsenden Mädchen zwischen 9 und 14 Jahren.

80 Prozent der Erwachsenen infizieren sich mit HPV

"Dieser Zeitpunkt ist so gewählt, um möglichst vor dem ersten Geschlechtsverkehr die Immunisierung zu erreichen", sagt Martin Terhardt, Kinder- und Jugendarzt aus Berlin und Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO). Denn HPV überträgt sich durch Sex. Dabei ist die Ansteckung der Normalfall, sagt Ralph Köllges, Impfexperte des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendmediziner (BVKJ): "Rund 80 Prozent der Erwachsenen infiziert sich im Laufe ihres Lebens damit".

Kaum eine Impfung könnte so viele Leben retten

Bei rund 80 Prozent der Betroffenen heilt die Infektion von selbst wieder aus. Bei 20 Prozent aber bleibt sie. "Diese Fälle werden chronisch und führen zu Genitalwarzen oder Krebs", sagt Köllges und macht das an weiteren Zahlen fix: "600 Krebsvorstufen und 20 Gebärmutterhalskarzinome werden in Deutschland jeden Tag diagnostiziert. Diese 20 Frauen brauchen meist eine Totaloperation und bekommen eine Chemotherapie und dennoch sterben täglich vier bis fünf von ihnen. Mit einer Schutzimpfung könnte man das zu fast 90 Prozent verhindern." Auch Terhardt ist sich sicher: "Es gibt kaum eine Impfung, die so viele Leben auf Dauer retten kann wie die HPV-Impfung."

Für besonders effektiv hält das Robert-Koch-Institut die Impfung in Verbindung mit der Früherkennungsuntersuchung beim Gynäkologen: "Mit einer Impfquote von 50 Prozent der 12-jährigen Mädchen könnten im Verlauf von 100 Jahren 100.000 Gebärmutterhals-Neuerkrankungen und ca. 24.000 Todesfälle verhindert werden", heißt es in den aktuellen Empfehlungen der STIKO. Doch in Deutschland machen nur 45 bis 50 Prozent der Mädchen davon Gebrauch. Die andere Hälfte verzichtet auf die Schutzmöglichkeit, die die Krankenkassen bis zur Volljährigkeit, manche sogar darüber hinaus, bezahlen würden. Experten führen das unter anderem darauf zurück, dass Jugendliche seltener beim Kinderarzt sind und beim Hausarzt und Gynäkologen noch nicht angekommen sind.

Auftreten von Genitalwarzen wird um 90 Prozent reduziert

70 Prozent aller Gebärmutterhalskarzinome lassen sich dabei auf die High-Risk-Typen 16 und 18 zurückführen, die in den drei auf dem Markt befindlichen Impfungen Cervarix, Gardasil und dem neusten Impfstoff Gardasil9 enthalten sind. Den ersehnten Rundum-Schutz hat man damit zwar nicht, wohl aber einen erheblichen. "Aus australischen Studien weiß man nämlich, dass die Impfung gegen HPV innerhalb von nur zwei Jahren zu einer Halbierung der Krebsvorstufen geführt hat", sagt Ralph Köllges. Das Auftreten von Genitalwarzen ließ sich um 90 Prozent senken.

Auswirkungen auf andere durch HPV verursachte Krebserkrankungen

Aus Erfahrungen anderer Länder wie Australien oder Großbritannien, in denen schon länger und mit höheren Quoten geimpft wird, gehen die Experten davon aus, dass sich auch Krebserkrankungen wie Mundraum und Rachenkrebs durch eine frühzeitige Impfung reduzieren ließen. Denn in jüngerer Zeit beobachtet man durch veränderte Sexualpraktiken die Zunahme von Tumoren am Anus, Gebärmutter, Scheide oder Penis. Außerdem nehmen HPV-Infektionen im Mundraum zu und damit verbunden Krebs in Mundhöhle, Speiseröhre oder im Rachen.

Unbegründete Angst vor der HPV-Impfung

Es herrscht Skepsis vor der Wirksamkeit und Sicherheit: "Immer wieder werden Meldungen über Nebenwirkungen veröffentlicht, die Mädchen und Eltern Angst machen", sagt Terhardt. In der Vergangenheit wurden einzelne Todesfälle in Zusammenhang mit der Impfung gebracht. Nach aktuellem Kenntnisstand haben sie jedoch nichts mit etwaigen HPV-Impfungen zu tun. "Plötzliche Todesfälle kommen leider auch im Jugendalter vor. Entscheidend ist: Nach Einführung der Impfung sind es nicht mehr geworden", betont Terhardt.

Erst im Juli 2015 schloss die Europäische Arzneimittelagentur erneut eine Überprüfung von HPV-Impfstoffen ab. Sie erfolgte im Hinblick auf zwei seltene Syndrome, darunter ein Schmerzsyndrom. Auch hier ergab sich kein Hinweis auf eine Zunahme der Gesamthäufigkeit bei geimpften Mädchen. Die unerwünschten Wirkungen seien nachgewiesener Maßen moderat: "Es kann zu Schmerzen, Rötungen, Schwellungen oder in seltenen Fällen Taubheitsgefühl rund um die Einstichstelle kommen. Seltener treten Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel und in einzelnen Fällen eine Kreislaufschwäche bis hin zur Ohnmacht auf", sagt der Experte der STIKO. Dies seien mögliche Nebenwirkung fast aller Impfungen. "Aber es gibt keine Nebenwirkungen, vor denen man Sorge haben müsste", sagt Martin Terhardt.

Kinder- und Jugendmediziner Köllges geht dennoch kein Risiko ein: "Ich würde jede mögliche Nebenwirkung dem Paul-Ehrlich-Institut melden. Das können darüber hinaus auch die Patienten selber tun. Dort werden mögliche Fälle registriert, beobachtet und ausgewertet."

 

HPV-Impfung

Das HP-Virus (Humanes Papilloma-Virus) ist verantwortlich für Infektionen der Haut beziehungsweise Schleimhaut.

Daneben ist erwiesen, dass das Virus, vor allem die Hochrisikotypen 16 und 18 des HP-Virus, ein wichtiger Faktor bei der Entstehung des Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinoms) und von Genitalwarzen (Condylomata acuminata) sind.

Eine Impfung ist seit kurzem gegen die beiden Hochrisikotypen möglich.

Die Impfung besteht aus drei Dosen, die jeweils zum Zeitpunkt 0, dann zwei und sechs Monate später intramuskulär – in den Muskel – verabreicht werden. Wie lange der Impfschutz anhält, ist noch nicht eindeutig geklärt, fünf Jahre gelten jedoch als sicher.

Wer und wann sollte geimpft werden?

  • Die Impfung wird bei Mädchen zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr durchgeführt, bestenfalls vor dem ersten Geschlechtsverkehr, um eine Infektion mit den Erregern zu vermeiden.
  • Weiterhin können auch Jungen, die sich im gleichen Alter befinden, geimpft werden, um eine Übertragung der Viren zu vermeiden.
  • Junge Frauen bis zum 25. Lebensjahr sollten ebenfalls vor dem ersten Geschlechtsverkehr geimpft sein. Bei Mädchen über 18. Jahre ist die Impfung jedoch noch keine Kassenleistung.Einzelne Kassen übernehmen auch die Kosten der Impfung bis zum 26.Lebensjahr.
  • Lebenspartner von Personen mit Genitalwarzen
  • Personen mit sexuell-übertragbaren Erkrankungen wie beispielsweise HIV
  • Frauen nach einer überstandenen Infektion mit dem HP-Virus, um eine Reinfektion zu vermeiden.

Wer sollte nicht geimpft werden?

  • Personen, die gerade eine Infektionskrankheit wie beispielsweise Influenza – Grippe – durchmachen

Nebenwirkungen/ Impfreaktionen

  • Bisher sind keine Nebenwirkungen bekannt

Trotz der Impfung sollte auf eine regelmäßige Krebsvorsorge durch den Frauenarzt nicht verzichtet werden, da die Impfung keinen vollständigen Schutz gegen das Zervixkarzinom erzeugen kann.

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